Fragestellungen für die Oberlausitz: Mit Kultur Strukturhemmnisse überwinden

Fragestellungen
  • Innovation 0
  • Umsetzbarkeit 0
  • Praxisnutzen 0
Jetzt bewerten

Seit Mai 2016 arbeiten die Projektpartner in der Oberlausitz. Nach den ersten Gesprächen, Recherchen und einem Workshop ergeben sich folgende Fragestellungen:

Ausgangslage: Es gibt in der Oberlausitz sehr viele, vielseitige und hochwertige Kulturangebote, die jedoch selbst in der Region oft nicht ausreichend bekannt sind und kaum vermarktet werden – sie sind am Markt (noch) viel zu wenig sichtbar. Dazu kommen strukturelle Hemmnisse in der touristischen Organisationsstruktur (mangelnde Kooperation zwischen den Landkreisen, acht Gebietsgemeinschaften mit Einzelinteressen, viel Kirchturmdenken). Darüber hinaus hat die Region mit Imageproblemen zu kämpfen (Rechtsextremismus) und ist in einigen Teilgebieten geprägt von Abwanderung, Arbeitslosigkeit und Resignation der Einwohner (Gefühl von Entwurzelung, Heimatlosigkeit, Identitätsverlust).

Finanzierung: Kultur braucht ausreichende Mittel – die fördermittelunabhängige Finanzierung von Kulturangeboten oder -Projekten ist aufgrund der Wirtschaftsstruktur der Oberlausitz jedoch extrem schwierig. Etwa 90% der Unternehmen haben nur etwa 10 bis 15 Mitarbeiter (Aussage Wirtschaftsförderung). Das bedeutet, dass die Wirtschaftskraft für Sponsoring-Konzepte viel zu gering ist. Größere Unternehmen, die für das Kultursponsoring in Frage kommen (Radeberger, Oppacher, lokale Brauereien) haben viele Spendenanfragen. Dazu kommen eine vergleichsweise hohe Arbeitslosigkeit und niedrige Löhne. Der Anteil an Privatpersonen, die stiften oder spenden könnten, ist extrem niedrig. Denkbar ist, für Finanzierungsfragen die regionalen Sparkassen, die Ostdeutsche Sparkassenstiftung oder den Verband Mittelständischer Unternehmer anzufragen.

Fragestellung: Welche Erfolgsfaktoren und Organisationsstrukturen schaffen möglichst günstige Bedingungen für die Vernetzung und Vermarktung kulturtouristischer Angebote und wie kann man dies konsequent entwickeln und Hemmnisse minimieren?

Das Ziel: Das Projekt hat zum Ziel, eine kulturtouristische Vermarktungsstruktur für die Region überhaupt erst zu entwickeln. Die Kulturschaffenden und Touristiker sollen besser vernetzt und ein thematisches Dach für die kulturtouristische Vermarktung geschaffen werden, um die Bekanntheit von Kulturangeboten bei Einheimischen und Touristen sowie die Besucherzahlen zu erhöhen. Damit soll insbesondere die Wettbewerbsfähigkeit der Region dauerhaft erhöht werden.

Das Vorgehen: Nach den Workshops, Gesprächen und Recherchen haben wir einen Ansatz entwickelt, bei dem wir von den Kulturschaffenden ausgehen und Vernetzungsstrukturen schaffen, die an vorhandene (Kultur-)Netzwerke anknüpfen. Das könnte eine Kulturinstitution sein, die eine besondere, überregionale Strahlkraft hat oder bereits vorhandene Netzwerke wie der Gartenkulturpfad oder der Kulturbeirat als landkreisübergreifende Vertretung aller Sparten.

Produktinszenierung und Profilierung: Der Via Regia Gedanken soll zeitgemäß weiter entwickelt und auf Kultur angewendet werden (Austausch von Gedanken, Ideen, Kultur…), um unter der Leitidee „Europa in Bewegung“ ein Bindeglied zwischen Geschichte und Gegenwart zu schaffen. Die Oberlausitz könnte sich kulturtouristisch als Sehnsuchtsort zwischen Dresden – Prag – Breslau vermarkten. Brücken, Wege und Traditionen zeigen so die wechselvolle Geschichte der Zugehörigkeit und ihre grenzüberschreitende Kultur.

In der Umsetzung ist es wichtig, dass bekannte Kulturangebote mit Strahlkraft aufs Dach einzahlen. Die Städte Bautzen, Görlitz, Zittau und Kamenz sind Zentren des historischen Sechs-Städte-Bundes. Sie könnten als Knotenpunkte und Leuchttürme einen geografischen Rahmen für die Vermarktung schaffen (gutes Beispiel: www.quattropole.org). Perspektivisch wäre sogar eine grenzüberschreitende Vernetzung mit den Partnerstädten in Tschechien und Polen denkbar. Dies

  • würde die kulturellen Eigenheiten der Region Oberlausitz in das Thema Europa, den Via-Regia-Gedanken und die Tradition des Sechs-Städte-Bundes einbetten (Austausch von Gedanken, Ideen, Kultur). Denkbar ist zukünftig auch eine Ausweitung auf das regionale Dreieck Dresden – Breslau – Prag;
  • könnte die bereits vorhanden Aktivitäten, Kooperationen und Netzwerke (Gartenkulturpfad, Via Sacra) unter einem Dach bündeln, ohne dass sich alle unter ein enges Thema zwängen oder man monothematische Routen bewerben muss.

Anforderungen an die praktische Umsetzung
Es gibt im Rahmen des Projektes zwei Hauptaufgaben: erstens die Vernetzung der Kulturschaffenden und Kulturanbieter unter einem Dachthema, zweitens die Professionalisierung der kulturtouristischen Vermarktung bei der MGO. Wir haben vor, folgende Schritte zu mit den Akteuren vor Ort umzusetzen:

  • Vernetzung über bereits bestehende Kooperationen und die Entwicklung einer Organisationsstruktur mit definierten Verantwortlichkeiten (z.B. AG Sechsstädtebund mit jeweiligen Kulturkooperationen zu Partnerstädten, kulturelle Leuchttürme, aktive Vereine). Einzelanbieter und weitere Netzwerke können hier andocken und die Gäste von den Städten in die Region führen. Über die Partnerstädte in Tschechien und Polen kann das Ganze dann auch grenzüberschreitend ausgebaut werden, z.T. gibt es schon Kooperationen.
  • Gemeinsame Produkt- und Angebotsentwicklung und emotionales Aufladen der Region: Die Produktentwicklung sollte nicht allein auf die Touristen, sondern auch auf die Einheimischen und die lokalen Fragestellungen ausgerichtet sein und in den Händen der Kulturanbieter liegen. Der Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger kommt dabei eine wesentliche Rolle zu, weil so eine Chance besteht, mit der Entwicklung kulturtouristischer Angebote Identifikation zu stiften.
  • Stärken der Vermarktungskompetenz der MGO und neue Wege im Marketing: Die kulturtouristischen Themen und Angebote sollen über die MGO gebündelt vermarktet werden. Die MGO hätte die Funktion, eine „kommunikative Glocke“ zu bilden. Dafür braucht es ein Vermarktungskonzept sowie die Planung und Entwicklung der passenden Vermarktungskanäle und -instrumente. Eine ganz wesentliche Aufgabe der MGO wäre dann, Themenkurator für die kulturtouristische Vermarktung zu sein, das heißt, in engem Austausch mit den Kulturanbietern klar kommunizierte Schwerpuntktthemen zu entwickeln, die die Oberlausitz nach außen profilieren.

Umsetzungsmaßnahmen:

  • Dachthema und Dramaturgie: Grundlegend ist, ein Dachthema bzw. Kernthemen und Leuchttürme zu definieren und darauf aufbauend jeweils eine Dramaturgie übers Jahr zu entwickeln. Ergänzend können Themenjahre und Kampagnen zu bestimmten Themen oder für bestimmte Gästegruppen die touristische Vermarktung von Kultur stärken und das Profil der Oberlausitz als Kulturregion schärfen.

Dafür gibt es zwei inhaltliche Ansatzpunkte, die auch miteinander verbunden werden können:

  • Vorhandene Kulturpfade vernetzen und weiter entwickeln: Die Vernetzung von mehreren, bereits vorhandenen Kulturrouten würde die in der Selbstwahrnehmung der Oberlausitz wichtige Vielfalt bündeln, ohne ein weiteres touristisches Thema oder eine weitere „Route“ entwickeln zu müssen. Zugleich ist es möglich, viele kulturelle Einzelangebote in der Fläche unter einem Dach zu vernetzen und zu vermarkten. Einbezogen werden können die bereits vorhandenen Vernetzungsprojekte und Kulturrouten mit touristischen Tourenvorschlägen (Reformation in der Oberlausitz - Ausstellungsprojekt Luthers Erbe, Topomomo, Via Sacra, Gartenkulturpfad, Via Regia, Via Gustica)
  • Ausgangspunkt sollte aus unserer Sicht das vorhandene Netzwerk Gartenkulturpfad beiderseits der Neisse e.V. (www.gartenkulturpfad-neisse.org) sein, weil es hier schon eine (grenzüberschreitende) Struktur und Vernetzung, eine entsprechende Infrastruktur und Werbemittel gibt. Darüber hinaus ist das Thema „Parks und Gärten“ sehr gut touristisch vermarktbar und spricht eine breite Gruppe von Gästen an (Kulturreisende ebenso wie „Auch-Kultur-Touristen“ wie Familien und Aktivurlauber.)

Von den Themen und Objekten des Gartenkulturpfades aus führen zahlreiche kulturhistorische Verbindungslinien in die Region. Daran können dann weitere touristische Pfade und Themen anknüpfen, zum Beispiel:

  • Familiengeschichten: „Storys“ rund historische Personen, lokale Geschichten, Bezug zur sächsischen Geschichte. Partner: Kulturhistorisches Museum
  • Baukultur: Architektur, sakrale Bauten, Geschichte des Baus, Malereien, Fresken, Details können den Bezug zu anderen Architekturthemen in der Oberlausitz herstellen (Kirchen, Klöster, moderne Architektur, Umgebindehäuser…). Partner: Via Sacra, Topomomo.
  • Geschichte: historische Ereignisse, die mit dem Haus verbunden sind oder dort stattfanden, Bezüge zur sächsische Geschichte, Verbindungslinien nach Polen, Thema Schlesien. Partner: Schlesisches Museum, Kulturhistorisches Museum;
  • Gastronomie: Genuss in schönem Umfeld, Verkostungen, historische Gerichte, Einbinden in Sehenswürdigkeiten in der zugehörigen Kommune. Partner: Hoteliers und Gastronomen
  • Veranstaltungsort: Konzerte, Theater, Lesungen, denkbar ist hier auch die Entwicklung einer eigenen Veranstaltungsreihe: Partner: Bautzner Musiksommer (Orte & ihre Sehenswürdigkeiten), ViaThea;
  • Park und Landschaft: Geschichte der Park- und Landschaftsgestaltung, Pflanzenkunde, Lustwandeln im Park, Unterstützung der Kommunen bei der Park- und Landschaftspflege;
  • Von den Zentren des historischen Sechs-Städte-Bundes aufs Land: In der Analyse hat sich gezeigt, dass die Oberlausitz als Kulturregion außerhalb Sachsens kaum bis gar nicht bekannt ist. Am ehesten kennen potenzielle Gäste noch die Orte wie Görlitz und Bautzen. Die Vernetzung dieser Mittelzentren und Orte zu einer Kulturregion könnte im Außenmarketing inhaltlich, geografisch und strukturell den Rahmen bilden, um kulturtouristische Höhepunkte zu vermarkten und von hier zu den Kulturschätzen in der gesamten Region zu führen. Zugleich entsteht damit ein Bezug zur Geschichte der Region und des Sechs-Städte-Bundes. Die „Kulturregion Sechs-Städte-Land“ (Arbeitstitel) könnte damit ein Marketingverbund werden, der die Bekanntheit der Mittelzentren und die Geschichte des Sechs-Städte-Bundes nutzt, um von hier aus kulturaffine Gäste in die Fläche und die Region zu führen, zum Bespiel:
  • Von Zittau oder Kamenz auf die Via Sacra: Ausgehend vom Zittauer Fastentuch, Herrnhuter Sternen und sakraler Kunst in Kamenz werden Gäste zu den sakralen Kunstschätzen, spirituellen Themen in der Region geführt. Auch die Verknüpfung mit der Via Sacra ist denkbar, ebenso der Bezug zu den Klöstern.
  • Von Ausstellungen in Görlitz zu Erlebnissen in der Region: Ausgehend von der Görlitzer Altstadt mit ViaThea und / oder Exponaten, Themen oder (Sonder-)Ausstellungen der beiden Museum, (Schlesischem Museum, Kulturhistorischem Museum) werden Gäste in den Stadtraum und in die Region weitergeführt.
  • Vom Sorbischen Museum in Bautzen zur sorbische Kultur: In der Altstadt Bautzens mit dem Sorbischen Museum bieten sich zahlreiche thematische Anknüpfungspunkte für Angebote in der Region, allen voran das Thema Sorben. Das Sorbische Folklorefest, die Feste und Bräuche zu Ostern wie zum Beispiel das Osterreiten, aber auch die Sagen und Angebote rund um die Krabatmühle führen vom historischen Ortskern Bautzens in die Region. Darüber hinaus bietet hier das Thema Katholizismus und sakrale Kunst sowie die Klöster Marienthal und Marienstern wiederum thematische Anknüpfungspunkte für das Thema Religion und sakrale Kunst.
  • Von Löbau auf die Architekturroute Topomomo: Haus Schminke in Löbau, Bad Muskau (Schloss & Park, Literatur, Kulturveranstaltungen) sowie das Wachsmann-Haus in Niesky sind bereits Stationen auf der Architekturroute Topomomo.
  • Klare Aufgabenteilung zwischen Kultur und Tourismus: Um Kulturangebote langfristig erfolgreich zu vermarkten, ist es notwendig, eine klare Aufgabenteilung zu definieren und Ansprechpartner zu benennen. Die Kulturschaffenden und -Institutionen sind zuständig für die Entwicklung und ggf. Vernetzung der Angebote. Dafür sind ein Ansprechpartner oder geeignete Strukturen erforderlich. Der Kulturbeirat kann in diesem Projekt Ansprechpartner, Koordinator und Multiplikator für die Kultureinrichtungen sein. Die MGO wiederum ist für die Vermarktung zuständig: Das bedeutet zum einen zu definieren, welche Informationen sie von den Kulturschaffenden braucht und zum anderen, zielgruppenorientierte Maßnahmen im touristischen Marketing zu entwickeln (Mediaplanung, Kampagnen, Abstimmung mit der TMGS). Darüber hinaus braucht es ein Bewusstsein, dass Kultur ein relevantes touristisches Thema ist. Die MGO wäre dann auch dafür zuständig, die kulturtouristischen Themen mit der Vermarktung weiterer Reisethemen zielgruppenorientiert zu verbinden.
  • Übergreifender Kulturkalender mit Blog und begleitendem Themenmarketing: Ein Vorschlag aus der Region ist die Entwicklung eines übergreifenden Veranstaltungskalenders, der die einzelnen Veranstaltungskalender der Städte und Institutionen ersetzt und über Schnittstellen gepflegt wird. Die Plattform soll unterschiedliche Gruppen ansprechen und mit sozialen Netzwerken vernetzt und werden. Idealerweise wird sie darüber hinaus mit weiteren Funktionen (Buchung, Tickets etc.) ergänzt und in das kulturtouristische Marketing der MGO eingebunden.
  • Gemeinwohl – Identität und ideelle Werte schaffen: Ein wesentlicher Aspekt des Projektes soll sein, die Kommunen und Bürger vor Ort einzubinden und Kulturgüter zu erhalten. Gesellschaftliche Teilhabe und die Möglichkeit, selbst Werte zu schaffen – zum Beispiel über Kultur oder den Erhalt von Kulturgütern – soll die Identifikation mit der Region stärken, insbesondere auch in den Teilgebieten, die von Abwanderung und Resignation geprägt sind. Ein gutes Beispiel für diesen Effekt ist die Bewerbung der Stadt Görlitz als Kulturhauptstadt.

Foto © Oberlausitz.com

Culturcamp-Redaktion,

Teilen Sie uns Ihre Meinung zu der Idee von Andreas Gosch mit.