Die Lausitz an einen Tisch - Fünf Lausitzer Orte, hunderte Geschichten

Alltagskultur
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Geschichten voll freudiger, überraschender, trauriger Erlebnisse. Das Projekt »Lausitz an einen Tisch« lud ab Juni 2015 die Bewohner der Ortschaften Plessa, Lauchhammer, Marga, Sedlitz und Geierswalde dazu ein, in Erzählsalons ihre Geschichten zu erzählen. Im Kulturhaus, in Clubs und Gaststätten, in Gemeinderäumen teilten sie miteinander ihre Erinnerungen und Erfahrungen. In den kleinen Geschichten steckt die große Geschichte. In den Geschichten steckt die Identität der Erzähler – und der Orte, in denen sie leben.

Alle fünf Projekt-Standorte eint, dass sie – wie die gesamte Region – seit Jahrzehnten zwei charakteristischen Formen des Wandels unterworfen sind: dem Wandel der Natur und dem Wandel der Industrie. Aus der gewachsenen Lausitzer Naturlandschaft wurden die Brachen der Braunkohlentagebaue, aus den Brachen wurde eine wunderschöne Seenlandschaft, die von der Natur zurückerobert und von den Menschen als neue Heimat angeeignet werden muss. Kultur- und Naturlandschaft in einem. Einen ähnlich gravierenden Wandel erlebte die Industrie: Der Aufschwung, den die Kohleindustrie der Lausitz brachte, erfuhr mit der politischen Wende von 1989/90 einen jähen Einbruch: Betriebe wurden geschlossen, ganze Industriezweige abgewickelt, die Jungen gingen in den Westen – folgten der Arbeit dorthin. Zurück blieben verlassene Industriebauten und überforderte Menschen.

Diesen Veränderungen schienen die Menschen ausgeliefert zu sein. Viele fühlten sich machtlos, abgehängt – oder einfach nicht gehört. Das Projekt »Lausitz an einen Tisch« gab Menschen Gelegenheit, ihre Geschichte(n) zu erzählen. In Erzählsalons.
Der Erzählsalon ist ein arrangierter Raum, in dem idealerweise zwölf Menschen zueinanderkommen, um ihre Geschichten zu erzählen. Sie erzählen, was sie erlebt haben. Sie erzählen von ihren Freuden und Sorgen, ihren Erfolgen und Niederlagen.

Über den Verlauf des Projekts sagte die Projektleiterin und Salonnière Katrin Rohnstock (55): „Wir, das Projekt-Team, sind beeindruckt, wie viel, wie offen und ehrlich erzählt wird: Vom Stolz über die erbrachten Leistungen, von der Enttäuschung über den Verlust des Arbeitsplatzes und der Gemeinschaft, genauso wie vom Kampf um eine neue Existenz. Ob traurige, lustige oder nachdenkliche Geschichten: In jeder steckt ein Stück Lausitz-Identität. “

Die Veranstaltungsform Erzählsalon baut Brücken zwischen gestern und morgen
In den Erzählsalons wird unter der Leitung einer Salonnière bzw. eines Salonniers gelebte Geschichte gemeinschaftlich zusammengetragen. Jeder hört die Geschichten der anderen. Kein Erzähler wird unterbrochen, keine Geschichte wird kommentiert. „Erzählen macht Spaß. Wenn einem aufmerksam zugehört wird, fühlt man sich ernst genommen. Im Erzählsalon wird jeder ernst genommen, egal woher er kommt“, sagt Katrin Rohnstock. „Doch in den Geschichten stecken nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Potenziale, das Know-how, die Erfahrungen der Erzähler. Indem sie ihre Geschichten erzählen, werden ihnen ihre Stärken bewusst. Dieses Bewusstwerden stärkt das Selbstvertrauen, es stärkt die Identität der Erzähler. Eine lebendige Zivilgesellschaft braucht selbstbewusste Menschen, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern, um Visionen zu entwickeln.“

Alle Teilnehmer eines Erzählsalons sind gleichberechtigt. Wer gemeinsam erzählt, lacht und weint, wer im wahrsten Sinne des Wortes Gefühle ausdrückt und teilt, belebt eingeschlafene Beziehungen oder schafft neue. Für eine lebendige Zivilgesellschaft ist es wichtig, dass Menschen aus verschiedenen Milieus zu Wort kommen: Jung und Alt, Eingesessene und Zugezogene, Unternehmer und Angestellte, Arbeitslose und Rentner – alle setzen sich an einen Tisch. Das Projekt erreicht auch Menschen, die sonst kaum noch einer erreicht – die Resignierten, Deprimierten, Hoffnungslosen.

So wird im Erzählsalon nicht nur Vergangenes bewältigt, sondern es entstehen auch Impulse für die Zukunft: Menschen finden zueinander, knüpfen Beziehungen, begründen Gemeinschaften. Sie entwickeln kollektiven Mut – Stück für Stück entstehen neue Ideen für ihre Lebensräume. Sie werden zu Trägern innovativer Projektideen und können so zu Akteuren der Zivilgesellschaft werden.

Aufgeschriebene Geschichten geben den Erzählern Bestätigung
Die Geschichten, die die Menschen im Laufe des Projekts erzählten, wurden von den versierten Autobiografikern von Rohnstock Biografien aufgeschrieben – aus der Perspektive derer, die sie erzählt haben: In Ich-Form. So wird den Erzählern eine nachhaltige Stimme gegeben. Das ist eine Wertschätzung der Erzähler und ihrer Lebensleistungen. Etappenweise wurden ausgewählte Geschichten in Broschüren veröffentlicht, jeweils eine für jeden Projekt-Standort. Die ersten Broschüren handeln von der Vergangenheit, die zweiten von der Gegenwart, die dritten von der Zukunft (Wünsche). Als die Broschüren übergeben wurden, standen einigen Erzählern Tränen in den Augen, so gerührt waren sie, dass ihre Geschichte aufgeschrieben und veröffentlicht wurde. Durch die Verschriftlichung der Geschichten werden die Erzähler zu Hauptdarstellern ihres eigenen Lebens und gewinnen einen mentalen Handlungsspielraum.

Aus den insgesamt etwa 600 mündlich erzählten Geschichten wählte eine Jury, besetzt aus Wissenschaft, Politik und Medien, die besten aus. Sie wurden am 26. Mai 2016 im IBA- Studierhaus Großräschen feierlich prämiert – im Beisein des brandenburgischen Wirtschafts- Staatssekretärs Hendrik Fischer. Die Gewinnergeschichten und andere ausgesuchte Geschichten erschienen in dem Buch „Lausitz. Lebensgeschichten einer Heimat“. Es kann unter www.lausitz-an-einen-tisch.de kostenlos gedownloadet werden.

Lausitzer, die innerhalb des Projekts als sogenannte Salonnièren und Salonniers ausgebildet wurden, führen die Erzählsalons an den Projektstandorten, aber auch in anderen Orten der Region in eigener Regie weiter und etablieren sie als nachhaltige Institutionen des Austauschs. Aus ihnen heraus erwachsen in Bürgerhand neue Initiativen. Parallel zu den regulären Projekt-Erzählsalons haben sich zudem spezielle Formate wie der Unternehmer-Erzählsalon in Kooperation mit dem Gründungszentrum „Zukunft Lausitz“ etabliert.

Die Geschichte hinter der Veranstaltungsform Erzählsalon
Der Erzählsalon entstand parallel zum Kerngeschäft des Berliner Unternehmens Rohnstock Biografien, das sich 1998 auf lebensgeschichtliches Erzählen und Erinnern in Buchform spezialisiert hat. Firmengründerin Katrin Rohnstock hatte die Veranstaltungsform eigens entwickelt, weil in den Anfangsjahren immer wieder Menschen in ihr Büro kamen, die ihre Lebensgeschichte zwar erzählen, aber nicht aufschreiben lassen wollten. Um diese Menschen nicht einfach wegzuschicken, kam sie auf die Idee, ihnen einen Raum zu geben, in dem sie ihre Geschichte erzählen können. Sie knüpfte dabei an die Tradition des jüdischen Sabbats an: Einmal wöchentlich treffen sich diesem Brauch zufolge am Freitagabend die Familienmitglieder, um einander zu berichten, was sie in der vergangenen Woche erlebt haben. Im Mittelpunkt steht der Erfahrungs- und Wissensaustausch.

Das Rohnstock-Team praktiziert den von Katrin Rohnstock entwickelten Erzählsalon seit 2001 in verschiedenen Zusammenhängen – sowohl in privater Atmosphäre – im geschlossenen Kreis – als auch öffentlich und vor Publikum: So veranstaltete Rohnstock Biografien 2005 anlässlich des 60-jährigen Gedenkens an das Ende des Nationalsozialismus mit dem Berliner Hotel Adlon Kempinski und Zeitzeugen-TV eine Reihe von Erzählsalons mit Emigranten, die ihre Exil-Geschichte erzählten. Gemeinsam mit dem Wirtschaftsförderer Berlin Partner lud sie 2012 regelmäßig in den „Wirtschafts-Erzählsalon“, in dem sich Unternehmerinnen und Unternehmer über ihre Geschäftsideen, Erfolge und Niederlagen austauschten. Auch in anderen Bereichen wurden Erzählsalons praktiziert, um den zwischenmenschlichen Erfahrungstransfer zu fördern: in der Altenarbeit, im Gesundheitswesen, im intergenerationellen oder interkulturellen Dialog, in Städten, Stadtteilen, Institutionen, Museen und Unternehmen.

Seit mehr als zehn Jahren bildet Rohnstock Biografien in Seminaren Salonnièren und Salonniers aus (unter anderem Mitarbeiter von Mehrgenerationshäusern und Pflegeeinrichtungen). Sie lernen, einen Erzählsalon so zu führen, dass er für alle Beteiligte eine Bereicherung darstellt. Dazu bedarf es Herz, Kompetenz und eines besonderen Geschicks im Aufspüren von Geschichten. Im Laufe der Jahre sammelte Rohnstock Biografien enorme Erfahrungen damit, was das gemeinsame Erzählen im Erzählsalon bewirken kann: „Es kann Brücken bauen zwischen verschiedenen Kulturen, Generationen und Milieus, es kann Beziehungen und Gemeinschaften stiften, es kann befreien, es kann Identität stärken“, sagt Katrin Rohnstock. „Erzählsalons können die verborgenen Potentiale von Menschen sichtbar machen. So entstand die Idee, diese Wirkungen für eine strukturschwache Region wie die der Lausitz nutzbar zu machen."

Über die ausgewählten Orte des Projekts
Für die Erzählsalons wurden insbesondere solche Orte ausgewählt, die Projektstandorte der IBA Fürst-Pückler-Land 2000-2010 waren und einer weiteren Unterstützung, einer besseren Einbindung oder erneuter Initiativen und Ideen bedürfen. Es geht darum, eine strukturschwache Region, die beinahe vollständig ihre Kinder und Enkel verloren hat, sozial und kulturell zu beleben. Eine Grundidee der IBA bestand darin, ortsbezogene Geschichte nicht auszulöschen, sondern durch ihre attraktivsten Zeugnisse in Erinnerung zu behalten, gleichzeitig aber auch Innovatives, also einmaliges Neues, das unsere Zeit repräsentiert, hinzuzufügen. Es sollte auch in Zukunft möglich sein, die Besonderheit eines Ortes und einer Region an den Bauten und Einrichtungen aus den Zeiten ihrer Entwicklungsschübe abzulesen und somit Geschichte und Geschichten lebendig zu halten.

Lauchhammer ist eine brandenburgische Kleinstadt (rund 15.000 Einwohner),
im Landkreis Oberspreewald-Lausitz, die einst Weltgeschichte geschrieben hat. Durch zahlreiche Eingemeindungen erstreckt sich das Stadtgebiet heute über mehr als 88 Quadratkilometer.

Marga ist eine Werkssiedlung mit Gartenstadtcharakter in Brieske, einem Ortsteil (ca. 2500 Einwohner) der brandenburgischen Stadt Senftenberg im Landkreis Oberspreewald- Lausitz. Die Siedlung wurde 1985 unter Denkmalschutz gestellt und von 1998 bis 2000 saniert.

Plessa ist eine brandenburgische Gemeinde (ca. 2800 Einwohner) im Landkreis Elbe- Elster. Sie befindet sich östlich der Stadt Elsterwerda im Norden des Schradens, einem Niederungsgebiet der Schwarzen Elster.
Sedlitz ist ein Ortsteil (ca. 1000 Einwohner) der brandenburgischen Kreisstadt Senftenberg
im Landkreis Oberspreewald-Lausitz. Er liegt direkt am Sedlitzer See und am Großräschener See.

Geierswalde ist ein Ortsteil (rund 350 Einwohner) der sächsischen Gemeinde Elsterheide im Landkreis Bautzen. Das Gemeindegebiet befindet sich im Lausitzer Seenland. In dem Ort mit dem Charakter eines Straßendorfs leben Deutsche und Sorben.

Nepomuk Rohnstock,

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