6 Fragen an... Brigitta Wend (Oberlausitz)

Kulturlandschaft
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In den kommenden Wochen und Monaten wollen wir auf www.culturcamp.de Verantwortliche aus den 5 Modellregionen zu ihren Plänen in ihrer jeweiligen Destination interviewen. Ziel soll es sein einen Einblick in den Arbeitsalltag innerhalb der Regionen zu gewinnen und darüber hinaus, Projektionsflächen für die Arbeitsfelder unserer Leserinnen und Leser zu kreieren. Das zweite Interview, diesmal zur Oberlausitz, führten wir mit Brigitta Wend.

Brigitta Wend ist fachliche Begleiterin des deutsch-polnischen Gartennetzwerkes Gartenkulturpfad beiderseits der Neiße und obendrein als passionierte Landschaftsarchitektin mit eigenem Büro in Halle an der Saale tätig. Zusammen mit deutschen und polnischen Partnern hat sie sich mit dem im Netzwerk integrierten Verein "GartenKulturPfad Oberlausitz" e.V. die gemeinsame Bewahrung, Förderung und Vernetzung des reichhaltigen gartenkünstlerischen Erbes in der Oberlausitz auf die Fahnen geschrieben. Uns gab sie einen kleinen Rück- und Ausblick.

1. Frage: Liebe Frau Wend, was reizt Sie an der Arbeit im ländlichen Raum?
Ich denke, es ist die belebende Mischung aus „Natur und Kultur“ - in Verbindung mit dem gemeinsamen Handeln von Menschen, die sich für „ihren Ort“ oder „ihren Park“ engagieren. Für mich - besonders als Städterin – wirkt es immer wieder beglückend, den Blick über die hügelige Landschaft der Oberlausitz streifen lassen zu können und gleichzeitig dabei dank des gartenkulturellen Erbes hier immer wieder auf geschichtliche Spuren zu treffen. Wie reich „unsere Vorfahren“ die Landschaft verschönt, verändert und geprägt haben, wird mir durch meine mittlerweile 7-jährige Beschäftigung mit der Region immer stärker bewusst – und dabei staune ich auch zunehmend über die weltweiten Verbindungen, die in dieser Region verankert sind.

2. Frage: Gegen welche Blockaden stoßen Sie regelmäßig?
Da gehen meine Überlegungen in drei Richtungen:

Erstens: Die Grenzlage - Die Region hat ein grenzüberschreitendes Kulturererbe gemeinsam mit den polnischen und tschechischen Partnern zu verantworten und könnte dies noch viel stärker als Chance begreifen. Zwar entwickeln sich dank europäischer Förderung internationale Netzwerke schon recht gut, aber die sprachlichen und mentalen Barrieren erschweren diese natürlich logischer Weise – ganz zu schweigen von den enorm langen Bearbeitungsphasen für entsprechende Projektanträge. So bleibt man lieber „unter sich“.

Zweitens: Die Landkreisübergreifende Kooperation - Die mangelnde Koordination der zahlreichen guten kulturellen und touristischen Initiativen in den Landkreisen Bautzen und Görlitz verhindert eine breitere Aufmerksamkeit für die Region als Ganzes und zugleich die gegenseitige Stärkung der Akteure. Wenn man bedenkt, welch enormes Potenzial in dieser Region liegt und wie stark sie auf eine bessere Wahrnehmung von außen angewiesen ist – Stichwort „Demografischer Wandel“ - so ist das m.E. ein echtes Entwicklungshemmnis.

Drittens: Die Bereitschaft zur Parkentwicklung - Das Thema „Parks“ wird immer noch zu wenig als echter Wirtschaftsfaktor verstanden. Wir bräuchten eine stabile institutionelle Zuständigkeit, die die beteiligten Kommunen organisatorisch und fachlich unterstützt, ihren Verpflichtungen für den Parkerhalt gerecht zu werden. So könnten sie tatsächlich die Anziehungskraft entfalten, die für die Region bereichernd wäre. Aber dafür gibt es bis auf Weiteres wohl keinen Weg.

3. Frage: Welches Projekt würden Sie starten, wenn Sie – ungeachtet aktueller Projekte und der bekannten, schwierigen Budget- und Personalfragen – einfach loslegen könnten?
Da fällt mir einiges ein - das wichtigste wäre mir aber die modellhafte Erprobung der Arbeitsabläufe „mobiler Gärtnerteams“, um sie dann dauerhaft zu etablieren. Diese könnten rotierend in der Region Parkpflegearbeiten durchführen und dabei die Ehrenamtlichen fachlich einbeziehen - vielleicht sogar unterrichten. So könnte zum einen der Pflegezustand sukzessive verbessert und zum anderen das Wissen zu fachgerechter Pflege weitergegeben werden.
Jeder weiß: Ein Garten oder eben auch ein Park braucht kontinuierliche Pflege - sonst verwildert er und die „Gartenbilder“ gehen verloren – und er braucht ein dem Wetter angepasstes und zugleich vorausschauendes Handeln. Das geht nur, wenn man den Garten kennt, mit ihm vertraut ist. Diese Kenntnis muss wachsen und kann nicht „auf Zuruf“ entstehen. Den Kommunen fehlt aber das Geld für eine entsprechend ausgestattete eigene Gärtnertruppe. Ein interkommunaler Zusammenschluss könnte hier weiterhelfen – aber das bedarf umfangreicher organisatorischer, finanzieller und personeller vorarbeiten und ist ohne Förderung nicht zu schaffen.

4. Frage: Was versprechen Sie sich vom Projekt „Die Destination als Bühne – wie macht Kulturtourismus ländliche Regionen erfolgreich“?
Es könnte gelingen, die eingangs genannten Blockaden abzubauen – das wäre ein enormer Entwicklungsschub. Wenn sich alle aktiven Verantwortlichen hier als „Schauspieler in einem gemeinsamen Schauspiel“ verstehen – und also den kreativen Findungsprozess für das gemeinsame „Bühnenbild“ und die sich ergänzenden „Rollen“ mitgestalten – könnte ein Stück entstehen, das „von sich reden macht“. Das Szenario müsste alle Besonderheiten ins rechte Licht rücken, Erkenntnisse aufleuchten lassen, unterschiedliche Erlebnisse vermitteln und die Besucher so begeistern, dass sie mit Freunden unbedingt wiederkommen wollen. Die ländliche Region könnte so mit ihrer besonderen Lebensqualität wieder attraktiver werden – für Bewohner und Gäste – schließlich vielleicht für Zuzügler und spezialisierte Unternehmen.

5. Frage: Warum sollten mehr Besucher in Ihre Region kommen und was ist Ihr Geheimtipp für Ausflügler?
Die Region „beiderseits der Neiße“ ist ein über Jahrhunderte gewachsener Kulturraum, der schon immer unter verschiedenen „Herrschaften“ stand. Das macht ihn vielschichtig und interessant.
Auf der sächsischen Seite führte die Oberlausitzer Ständeherrschaft zu einer enormen Fülle verschiedener Herrensitze, die man hier vielseitig entdecken kann. Auch ist es für viele Deutsche noch immer „ein Abenteuer“, über die Grenze zu gehen: Die Sprache ist fremd, die Verkehrszeichen sind originell anders, manche Lebensgewohnheit irritiert... und dann gibt es noch so viele Vorurteile! Aber das alles muss nicht verunsichern und ängstigen. Die heutige Grenze trennt zum Glück nicht mehr, sondern ermuntert zu einer Entdeckung „der anderen Seite“ - Neugier und Unvoreingenommenheit vorausgesetzt. So kommt es dann zu begeisternden Überraschungen, die gern weitererzählt werden – und von dieser „Entdeckerfreude“ profitiert auch die Region zwischen Dresden, Bautzen, Görlitz, Bad Muskau und Zittau. Mein Geheimtipp? Mit dem Rad die Region erkunden.

6. Frage: Was planen Sie in Ihrer Region als Nächstes?
Wir wollen lokale Akteure dazu anregen, Gäste aus nah und fern zu einem Besuch in die Parks einzuladen und ihnen dabei Interessantes auf emotionale Weise zu vermitteln. Dafür möchten wir Menschen vor Ort befähigen, selber kleine Angebote zu entwickeln, die sie regelmäßig selbständig anbieten können – wie z.B. eine Kaffeetafel unter der Linde mit musikalischer Begleitung oder einen Fotowettbewerb zu den schönsten Aussichten im Park – jeweils ergänzt mit kleinen Sachinformationen. Ideen gibt es viele … wir suchen die Menschen, die diese mit Herz erfüllen und weitertragen wollen. Dafür bieten wir unsere fachkundige Unterstützung an.

Vielen Dank für das Interview!

Hinweise zur Region und den Parks findet man übrigens auf der Internetseite www.gartenkulturpfad-neisse.org. Der Imagefilm auf der Startseite ist eine gute Einstimmung für eine Tour auf dem Gartenkulturpfad beiderseits der Neiße www.gartenkulturpfad-neisse.org/netzwerk/

Fotos:

Culturcamp-Redaktion,

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